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Medical Affairs
Medical Insights für bessere medizinische Versorgung
Nie zuvor hat die Life-Sciences-Branche mehr Daten generiert, mehr Innovationen hervorgebracht oder einen intensiveren wissenschaftlichen Austausch erlebt. Doch obwohl sie zu den wertvollsten Ressourcen zur Verbesserung der Ergebnisse für Patientinnen und Patienten zählen, bleiben Medical Insights aus der Diskussion mit Key Opinion Leadern (KOL) noch immer zu oft ungenutzt.
Somit steht die Branche vor einem strukturellen Paradoxon: Bahnbrechende Therapien werden immer komplexer und zielgerichteter, doch ihre Markteinführung ist langsamer, teurer und unsicherer. Bis zu 90 Prozent der Medikamente, die die klinische Entwicklung erreichen, schaffen es nie auf den Markt. In diesem Umfeld ist die frühzeitige und kontinuierliche Erfassung von Medical Insights mehr als ein Wettbewerbsvorteil – sie ist eine Notwendigkeit.
Medical Affairs steht im Zentrum dieser entscheidenden Aufgabe. Durch den wissenschaftlichen Austausch mit KOLs gewinnen Medical Science Liaisons (MSLs) wertvolle klinische Insights aus erster Hand, die sicherstellen, dass eine Therapie den realen Patientenbedürfnissen entspricht. Für die Life-Science-Branche sind diese Einblicke von großer Bedeutung, insbesondere bei der Vorbereitung einer Markteinführung. Sie ermöglichen es, die medizinische Strategie präzise zu definieren, die wissenschaftliche Kommunikation zu optimieren und den Einfluss im Fachbereich gezielt zu steuern. Doch aktuell besteht eine deutliche Diskrepanz zwischen dem, was der Außendienst erfährt, und dem, worauf das Unternehmen tatsächlich reagiert.
Die Kosten des Nicht-Zuhörens
KOLs sind keineswegs abgeneigt, sich zu engagieren. Im Gegenteil: Eine Veeva-Studie zeigt, dass fast alle bereit sind, ihr Wissen mit Biopharmaunternehmen zu teilen, und die meisten keine Bedenken haben, mit ihren gelieferten Insights in Verbindung gebracht zu werden. Gleichzeitig sind KOLs der Ansicht, dass nur 30 Prozent ihres Inputs überhaupt genutzt werden.
Diese Diskrepanz zwischen vorhandener Insights und deren wahrgenommener Nutzung, auch genannt Listening Gap, ist weit mehr als eine bloße Ineffizienz im Prozess. Sie bedeutet den Verlust von Vertrauen und entscheidenden Informationen über ungedeckten medizinischen Bedarf, Evidenzlücken, Wissenslücken bei der Ärzteschaft, Hindernisse bei der Probandenrekrutierung und Schwierigkeiten beim Medikamentenzugang – Faktoren, die die Patientenversorgung und die Akzeptanz neuer Therapien direkt beeinflussen.
Obwohl Führungskräfte in der Life-Sciences-Branche die strategische Bedeutung von Insights anerkennen, bewerten sie ihre eigene Reife im Umgang damit – trotz erheblicher Investitionen in digitale Initiativen – lediglich als durchschnittlich. Die Technologie hat zwar die Identifizierung von Insights beschleunigt, doch die Umsetzung hinkt hinterher. Die Erfassung bleibt inkonsistent, die Analyse ist oft langsam und fragmentiert über verschiedene Systeme hinweg. Viele Biopharmaunternehmen tun sich weiterhin schwer, aussagekräftige Muster in großem Maßstab zu erkennen und darauf zu reagieren. Was ein kontinuierlicher Informationsfluss sein sollte, wird häufig auf isolierte Datenpunkte reduziert, was die Priorisierung und rechtzeitige Reaktion erschweren. Letztendlich führt dies bei vielen Außendienstteams zu wachsender Frustration.
Von der Einsicht zur Besserung
Seit Jahren konzentriert sich die Branche auf die Skalierung der Erfassung von Medical Insights. Die nächste Phase muss nun die Umsetzung dieser Insights in konkrete Wirkung operationalisieren.
Drei strukturelle Barrieren verhindern dies bisher konsequent:
- Unklare Verantwortlichkeiten, sobald Medical Insights geteilt werden
- Eingeschränkter funktionsübergreifender Informationsaustausch über Medical Affairs hinaus
- Keine systematische Möglichkeit zur Verfolgung der Wirkung von Medical Insights
Sind Verantwortlichkeiten nicht klar, erreichen selbst die wichtigsten medizinischen Themen zu spät die relevanten Stellen, erfahren keine Nachverfolgung oder beeinflussen die Entscheidungsfindung nicht. Außendienstteams spüren dies schmerzlich, denn sie liefern wertvolle Informationen, ohne jedoch zu sehen, ob sich dadurch etwas ändert. Das Schließen dieser Listening Gap erfordert daher ein neues Betriebsmodell, das Biopharmaunternehmen in die Lage versetzt, effektiv auf das Gelernte zu reagieren.
Insights mit KI und Medical Themes die Tat umsetzen
Künstliche Intelligenz (KI) verändert die Möglichkeiten im gesamten Lebenszyklus von Medical Insights. Viele Biopharmaunternehmen haben den ersten Schritt mit hausgemachten Tools zur Unterstützung der Erfassung und grundlegenden Zusammenfassung von Medical Insights getan. Während diese den manuellen Aufwand reduzieren, sind sie oft schwer skalierbar, fragmentiert über verschiedene Systeme hinweg und haben Mühe, mit der rasanten KI-Innovation Schritt zu halten. Mit zunehmendem Volumen und wachsender Komplexität der Informationen aus der Praxis werden statische Modelle und periodische Analysen schnell zu einem Engpass.
Die nächste Phase ist die kontinuierliche Analyse großer Mengen von Interaktionen und die Echtzeit-Erkennung aufkommender Muster, sogennanter Medical Themes. Dies ist die Verlagerung vom Verarbeiten einzelner Insights hin zu einem Verständnis der zugrunde liegenden Muster.
Medical Themes sind es, die Daten in Handlungsanweisungen verwandeln. Indem sie Medical Insights zu klaren, evidenzbasierten Trends aggregieren, ermöglichen sie den Teams, Signal von Rauschen zu trennen, Dringendes zu priorisieren und der Führungsebene eine kohärente strategische Erzählung zu präsentieren. Sie ermöglichen es, Risiken früher zu erkennen und Chancen zu nutzen. Fortschrittliche Lösungen kombinieren bereits KI mit menschlicher Überprüfung, um Medical Themes proaktiv über Tausende von Insights hinweg in Echtzeit zu identifizieren.
Dies ermöglicht eine drastisch höhere Geschwindigkeit, um auf Trends zu reagieren. Doch schnelle Identifizierung von Medical Themes allein erzielt keine Wirkung. Mit der Verbesserung der Fähigkeit, Medical Themes zu erkennen, verlagert sich der Engpass auf Entscheidungsfindung, Governance und funktionsübergreifende Umsetzung. Führende Biopharmaunternehmen sind diejenigen, die diese Insights in die Strategieentwicklung und -umsetzung integrieren und das Gehörte direkt mit dem Handeln verbinden.
Ein unternehmensweiter Rahmen zur Aktivierung von Insights
Führende Biopharmaunternehmen setzen auf einen standardisierten, unternehmensweiten Ansatz, der auf vier Prinzipien aufbaut:
- Einen einheitlichen Insight-Prozess definieren: Eine klare Definition, was ein Medical Insight ausmacht, wie sie priorisiert und von der Praxis zu den Entscheidungsträgern gelangt, ist essenziell. Dabei müssen sowohl die Insight-sammelnden als auch die Reagierenden eingebunden werden.
- Klare Verantwortlichkeiten zuweisen: Medical Inisghts und Themes schaffen nur Wert, wenn jemand in der Folge Verantwortung für ihre Umsetzung übernimmt. Medical Affairs ist ideal positioniert, um diese Nachverfolgung zu leiten und die strategische Relevanz wissenschaftlicher Informationen funktionsübergreifend sicherzustellen.
- Globale Sichtbarkeit und Lernen ermöglichen: Ein einheitliches System erlaubt es, regionale Muster zu erkennen, Medical Insights im globalen Maßstab zu erfassen und konsistent auf aufkommenden medizinischen Bedarf zu reagieren.
- Den Kreis mit KOLs schließen: Wissenschaftlicher Austausch ist ein Dialog, keine Transaktion. Feedback zur Nutzung ihrer Insights stärkt das Vertrauen, verbessert zukünftige Engagements und erhöht die Qualität der gesammelten Informationen.
Den Wert von Medical Affairs demonstrieren
Die Verknüpfung von Medical Themes mit messbaren Ergebnissen wird zur entscheidenden Führungsherausforderung für Medical Affairs. Wenn Biopharmaunternehmen aufzeigen können, wie Medical Insights den Zugang zu Behandlungen und Therapien beschleunigen, die Evidenzgenerierung verbessern, Produkteinführungen optimieren und die klinische Praxis prägen, steigt Medical Affairs von einer unterstützenden Funktion zu einem strategischen Treiber des Patientennutzens auf.
Dies ist die wahre Bedeutung der Schließung der Listening Gap: Es geht darum, die Rolle von Medical Affairs im Unternehmen strategisch zu positionieren und sicherzustellen, dass die Stimme der Klinikerinnen und Kliniker direkt beeinflusst, wie Therapien entwickelt, eingeführt und angewendet werden.
Der Weg nach vorn
Entscheidend für den Erfolg ist der aktive Einsatz der richtigen Daten. Nur so lassen sich Insights zügig in fundierte Entscheidungen und schließlich in konkrete Ergebnisse überführen.
Dies erfordert ein gemeinsames unternehmensweites Verständnis: zur Standardisierung von Prozessen, zur Skalierung KI-gestützter Analysen mittels Branchenlösungen, zur Stärkung funktionsübergreifender Verantwortlichkeiten und zur Etablierung eines Rahmens zur Wirkungsverfolgung. Biopharmaunternehmen, die diesen Wandel vollziehen, werden nicht nur die interne Abstimmung verbessern, sondern auch die Distanz zwischen wissenschaftlicher Innovation und den Patientinnen und Patienten, die sie benötigen, signifikant verkürzen.
In einer Welt, in der die meisten Medikamente nie den Markt erreichen, ist die Fähigkeit, zuzuhören und zu handeln, möglicherweise die wichtigste Kompetenz, die Biopharmaunternehmen aufbauen können.
Manuel Möller
Manuel Möller ist Vice President Veeva Insights Strategy bei Veeva Systems, einem Anbieter von Cloud-Software, Daten- und Analyselösungen für die Life-Science-Branche. Er kam 2024 zu Veeva als Vice President, Data Cloud Strategy. Zuvor arbeitete er 13 Jahre bei McKinsey & Company. Weitere Stationen waren das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, wo er auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz promovierte und Lösungen zur verbesserten medizinischen Bildverarbeitung mit Siemens Corporate Research entwickelte.









































